Ein avantgardistisches Stillleben

Gemäß den Eintragungen des Livre de raison des Malers ist Der Besuch vor Félix Jasinski seinen Hut haltend entstanden. Gemeinsames Element beider Werke - Porträt und Innenansicht - ist der besonders hervorstechende Zylinder, der entweder in Der Besuch auf einem Stuhl abgelegt wurde oder auf dem Porträt in den Händen des Kupferstechers zur Geltung kommt.

Der von Félix Vallotton in seinem Livre de raison gewählte Titel (Stillleben) hat zweifellos seine Berechtigung. Es handelt sich sehr wohl um ein Stillleben, wenn auch Hut und Stock eher selten in der Ikonografie dieser Darstellungsform anzutreffen sind. Die Gegenstände sind jedoch Ikonen des damaligen modernen Lebens und stehen ausdrucksvoll für die Pariser Gewohnheiten des auslaufenden 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus hat der Zylinder für Félix Jasinski eine wichtige Bedeutung, da ihn sein Schweizer Freund zu dieser Zeit mit diesem Gegenstand in der Hand porträtiert. Mit solchen Attributen setzt sich Félix Vallotton als Maler des zeitgenössischen Lebens durch, wie er Baudelaires Vorstellungen entsprach. Zuerst wurde den Impressionisten, die die Vergnügen des Nachtlebens und des Spielsalons malten, diese Rolle zugesprochen. Vallotton geht insofern über die Logen Renoirs und die Café-Konzerte à la Degas hinaus, als dass er vor seinen synthetischen Holzschnitten bereits die Kunst der Suggerierung und der Verfremdung beherrscht. Er bedient sich hier der Metonymie. Bei dem auf dem Stuhl abgelegten Zylinder handelt es sich um nichts anderes als um das metonymische Porträt Félix Jasinskis. Aber diese alltäglichen Gegenstände sind nicht unbedingt an ihren Besitzer gebunden, sondern ebenfalls wesentliche Accessoires einer gewissen Lebenskunst. Dieses Werk weist bereits in einem frühen Stadium auf das Beste an Vallottons Werken hin: Mit äußerst spärlichen Mitteln und der für ihn so typischen nüchternen Ausdruckskraft gelingt es ihm, einerseits eine vertrauliche Atmosphäre zu schaffen, aber auch auf eindringliche Weise die Gewohnheiten einer Epoche wiederzugeben.

An diese Ausdrucksform, die im Detail das Wesentliche sucht, wird drei Jahre später ein Vertrauter Vallottons, Edouard Vuillard, anknüpfen: In seinem 1890 entstandenen Gemälde Bois de Boulogne (Privatsammlung) zeigt er in der unteren linken Ecke seines Bildes den Umriss eines Zylinders, um die Gegenwart eines männlichen Betrachters anzudeuten. Der Zylinder, dieser „geheimnisvolle, düstere und übernatürliche Meteor“ - Stéphane Mallarmé prägte diese schöne Metapher -, hatte bereits die Kunst von Degas beeinflusst, der dieses Stilelement in einem gravierten Porträt von Manet einsetzte (Manet, assis, tourné à droite [Manet, sitzend, nach rechts gewendet] 1864-65, Privatsammlung). Einige Zeit später wird auch Matisse in seinem Gemälde Intérieur au chapeau haut-de-forme [Innenansicht mit Zylinderhut] von 1896 auf den Zylinder zurückgreifen (Privatsammlung).

Jean-Pierre Mélot