Eine späte Taufe

Steht doch eigentlich der Hut im Zentrum der Komposition, warum hat Vallotton sein Werk Der Besuch genannt? Wollte er seinen Zeitgenossen ein Rätsel aufgeben oder dieses bereits ohnehin schon eigentümliche Gemälde zusätzlich noch mit einem geheimnisvollen Schleier behaften?

Die Antwort auf diese Fragen beginnt mit einer anderen Ausgangsfrage: Hat Vallotton seinem Gemälde diesen Titel selbst verliehen? Der Schweizer hat damit überhaupt nichts zutun! Der Künstler führte ein Buch, Le livre de raison, in dem er alle seine Werke eintrug. Dieses Gemälde war als Stillleben unter der Nummer LRZ32 verzeichnet. Erst 1965 anlässlich der Ausstellung, die im Rahmen der Retrospektive des Künstlers in Zürich veranstaltet wird, erhält das Gemälde den Titel Der Besuch.

Zwischen 1887 und 1965 fällt dieses kleine Gemälde einer überraschenden Wankelmütigkeit zum Opfer: Fünf Mal wechselt es seinen Namen. 1925 trägt das Bild den Titel Interieur bei F. Jasinski. 1926 dann Le Haut-de-forme, intérieur [Der Zylinder, Interieur]. Olivier Senn erwirbt das Gemälde im Mai 1929 unter dem Namen La Porte entrouverte [Die halboffene Tür]. Im Jahre 1934 wird es mit dem Titel Le Haut-de-forme [Der Zylinder] ausgestellt. 1955 wird es dann wieder in Chapeau haut-de-forme [Der Zylinderhut] umbenannt.

Die aufeinander folgenden Benennungen kreisen um das gleiche Thema: ein Interieur mit einer halboffenen Tür und einem Zylinder. Aus diesem Grund wurde das Werk bei seiner Aufnahme in die Sammlung des Musée Malraux unter einem doppelten Namen eingetragen: Le Haut-de-forme, intérieur [Der Zylinder, Interieur] oder Der Besuch. Der 1965 verliehene Titel wurde ebenfalls beibehalten, da das Gemälde 40 Jahre lang unter diesem Namen bekannt war.