Unsichtbare Besucher

Konnte Félix Vallotton überhaupt malen? Es lohnt, diese Frage in Hinblick auf La Visite [Der Besuch] zu stellen, denn sollte der Betrachter in Versuchung geraten, die Mitteltür der Wohnung schließen zu wollen, dann dürfte ihm das wohl nur schwer gelingen.

Zum Entstehungszeitpunkt dieses Gemäldes lebt der Schweizer Künstler Félix Vallotton seit fünf Jahren in Paris. Er studiert in der französischen Metropole an der Académie Julian und verbringt viel Zeit im Louvre, wo er alte Meister wie Dürer oder Holbein kopiert. Bislang hat der Künstler nur Porträts gemalt. Mit dem Besuch gelingt ihm ein rätselhaftes Bild, dessen Titel den Betrachter nur unzureichend zufrieden stellt. Das Interieur wirkt auf ironische Weise anonym. Und sollte es sich wirklich um einen Besuch handeln, herrscht Unklarheit über seinen Anlass. In welchem Zimmer befinden sich die Protagonisten der Szene? Wie gelangte der Besucher in die Wohnung, durch die halboffene Tür oder aber durch den vorderen Teil des Zimmers? In dieser Bildkomposition fehlt jegliches Indiz. Trotzdem zieht dieses Werk, in dem das Unbedeutende und Anonyme gepriesen wird, die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich. Denn bei näherer Betrachtung, scheint das Bild sehr schlecht gemalt zu sein.

Der Maler, der bald den Beinamen „ausländischer Nabi“ erhält, konzentriert sich mit größter Sorgfalt auf den Aufbau des Gemäldes. Vallottons ganze Kunst in diesem Werk besteht darin, die suggestiven Möglichkeiten der Flächenkomposition aufzuzeigen. Erst über die Enträtselung der Gestaltung richtet sich der Blick auf den eigentlichen Bildgegenstand.

Erkunden wir nun die weit verzweigten Wege Vallottons.