Louis Daguerre, „Interieur der Rosslyn Chapel“

Daguerres Beitrag als Erfinder der Fotografie überschattete seine malerischen Leistungen fast gänzlich und dieses Meisterwerk aus dem Jahre 1824 gehört zu den wenig erhaltenen Gemälden. Diese Architekturansicht mit großartigen Helldunkeleffekten ist zur gleichen Zeit entstanden wie eine Ausgabe in Großformat ohne Figuren, die im selben Jahr in Paris anlässlich der Dioramen in der Rue Samson - bei der Klang- und Lichteffekte miteinander harmonisierten - ausgestellt wird und wo Daguerre einige Jahre später sein fotografisches Verfahren entwickelt.
Zu dieser Zeit stellt der Künstler im Salon wiederholt kleinere Formate seiner Theaterszenen aus, die er für das zusammen mit Charles-Marie Bouton gegründete äußerst populäre Illusionstheater malte: das gilt insbesondere für das Bild Ruines de Holyrood Chapel au clair de lune [Ruinen der Holyrood Chapel bei Mondschein], das einer anderen, heute in der Walker Art Gallery in Liverpool aufbewahrten Diorama-Szene gleicht, die ebenfalls 1824 ausgestellt wurde. Ungeachtet der in den Broschüren des Salons genannten Titel sollten diese kleineren Fassungen, die oft erst nach Entstehung der großen Leinwände realisiert wurden, eher als Variationen zu den so populären Theaterszenen und nicht etwa als Vorstudien verstanden werden.
Die Rosslyn-Kapelle ist ein legendärer Schauplatz des mittelalterlichen Schottlands. Aufgrund der pittoresken Eigenschaften dieses von Legenden umwobenen Monuments war dieser Ort während der romantischen Periode besonders beliebt. Walter Scott erwähnt ihn in seinem 1805 verfassten Gedicht The Lay of the Last Minstrel (Das Lied des letzten Minnesängers) und auf einem Aquarell von John Adam Houston ist der Maler in der Kapelle sitzend dargestellt. Zahlreiche britische Aquarellisten insbesondere John Michael Gandy, David Roberts oder John Ruskin haben zwischen 1820 und 1850 Innenansichten der Kapelle gemalt.
Nach seiner Ausstellung in Paris wurde das Diorama von Rosslyn Chapel 1826 und 1835 in London, Dublin, Liverpool und Edinburgh ausgestellt. Die zeitgenössische Presse berichtete über den ungeheuer großen Erfolg dieses Gemäldes. Dudelsackklänge begleiteten die Ausstellung und Schatteneffekte wurden erzeugt, um die Illusion noch zu verstärken.